Rußland – ein Leuchtturm des christlichen Abendlandes?

09.02.2015


Dr.phil. William Yoder

Mit dem berühmten Fall der Pariser Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» hatte das offizielle Rußland leichtes Spiel. Am 19. Januar versammelten sich Hunderttausende in Grosny zu einem Marsch unter der Losung: «Wir lieben den Propheten Mohammed». Orthodoxe Geistliche marschierten mit. Kein Fall ist bekannt, in dem ein russischer Protestant den «Ich bin Charlie»-Ruf für sich in Anspruch genommen hätte. Immer wieder hat der russische Staat für die gegenseitige Achtung der Religionen hingewiesen und betont, daß eine derartige Verunglimpfung religiöser Gefühle in Rußland verboten sei. Im Namen der Redefreiheit hatte der Westen – wie bereits im Falle der Moskauer Mädchengruppe «P*-Riot» – Obszönität und das Recht, die religiösen Gefühle anderer zu diffamieren, verteidigt. Traditionelle christliche Werte sind den russischen Christen wichtiger als die Pressefreiheit.

In diesem Sinne schrieb der Moskauer Baptistenpastor Jewgeni Bachmutski: «Ganz offensichtlich hat in der französischen Gesellschaft die Redefreiheit Oberhand gewonnen gegenüber den moralischen und ethischen Werten. Ich würde den Franzosen aber empfehlen, sich nicht nur an Voltaire zu erinnern, sondern auch an Victor Hugo, Blaise Pascal, Louis Pasteur und viele andere. Für sie waren religiöse und moralische Werte äußerst wichtige und bestimmende Lebensfaktoren.»

Doch natürlich werden die Gewalttaten in Paris nirgendwo vom russischen Mainstream gutgeheißen: Eins der ersten Kondolenzschreiben stammte von Wladimir Putin.

Immer wieder wird in den russischen Medien Rußland als Bollwerk des christlichen Abendlandes, als das historische «Dritte Rom», gefeiert. Es heißt: Während sich der Westen nicht einmal der glaubensfeindlichen Schmähungen eines «Charlie Hebdo» erwehrt, schämt sich die russische Orthodoxie nicht, für die historischen Werte des christlichen Westens einzutreten. Für Familie, Mutterschaft, Sittlichkeit, Treue und Vaterlandsliebe will das offizielle Rußland eintreten; gleichzeitig bekämpft es soziale Experimente wie das Aufwerten der Homosexualität. Einst gehörte die UdSSR zur Weltspitze bei der Durchführung von Abtreibungen. Doch bei seinem ersten Aufritt überhaupt vor der russischen Duma am 24. Januar plädierte Patriarch Kirill für die Beendigung bezahlter Abtreibungen und das Verbot von Leihmutterschaften. Diese Politik ist mitunter auch im Westen auf Zustimmung gestoßen. Neben eher fragwürdigen anti-homosexuellen Aktivisten gehören auch Franklin Graham und Pat Robertson zu den amerikanischen Evangelikalen, die Verständnis für die Familienpolitik des Kremls aufgebracht haben.

Doch m.E. bildet der christliche Glaube keine treibende Kraft bei der nach Osten drehenden, euroasiatischen Umorientierung des russischen Staates. Wichtiger dabei sind die geostrategischen und ökonomischen Interessen. Aber diese Kehrtwendung schafft ein ideologisches Vakuum, in das sich die russische Orthodoxie bereitwillig hineinsaugen läßt.

Nach meiner Sicht ist bei Nationalbolschewisten und ähnlich nationalistischen Kräften, die keine längerfristige Achtung für den orthodoxen Glauben aufweisen, der Glaube nur ein opportunes Beiwerk. Hier wird ohne irgendeine spirituelle Kehrtwendung der orthodoxe Glaube der Liebe zur russischen Heimat gleichgesetzt. Bei einer Ordensverleihung anläßlich des 70. Geburtstages des orthodoxen, kommunistischen Parteichefs Gennadi Sjuganow im vergangenen Juni äußerte Patriarch Kirill die Hoffnung, daß auch Sjuganow «zur moralischen Transformation der Gesellschaft» beitragen möge. Daneben gibt es natürlich auch tiefgläubige, orthodoxe Christen – manche wohl auch innerhalb der Reihen der kommunistischen KPRF. Ein Drittel ihrer Mitglieder soll der orthodoxen Kirche angehören.

Eine wohl zahlenstärkere, ideologische Kraft bilden die Scharen der eher jungen, westlich-orientierten, säkulardenkenden «Konsumbürger». Doch angesichts der gegenwärtigen Spannungen befindet sich deren politischer Einfluß auf dem absteigenden Ast.


 

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