Gibt es auch „kleine Faschismen“ in der Ukraine?

09.02.2015


Dr.phil. William Yoder

 

Kommentar

M o s k a u — In Osteuropa wird der Faschismus rehabilitiert. Dieser Prozeß begann ernsthaft mit der Anerkennung der «Ustascha»-Bewegung durch den neugegründeten kroatischen Staat nach 1991. Gefolgt wurde er von einer Wiederentdeckung der anti-sowjetischen Partisanen, der «Waldbrüder», in den drei baltischen Staaten. Dieser Prozeß erreichte einen ersten Höhepunkt am 7. Januar 2015, als der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk im deutschen Fernsehen verkündete, daß «wir alle uns sehr gut an den sowjetischen Einfall (Invasion) in die Ukraine und in Deutschland erinnern können. Das muß künftig verhindert werden. Keiner (eben Putin) hat das Recht, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben.» Die Übersetzungen des ukrainischen Textes sind uneinheitlich, doch es steht fest, daß Jazenjuk sein Bedauern über den Sieg der Roten Armee 1945 in der Ukraine und in Deutschland zum Ausdruck bringen wollte. Das heißt natürlich, daß die falsche Seite – die UdSSR – den Krieg im Osten gewonnen hätte. Hiermit wird eine These vertreten, die schon vor 1939 vorhanden war: Die Westmächte sollten lieber gemeinsam mit Hitler-Deutschland die bolschewistische Gefahr aus dem Osten verbannen. So dachten in den 30er Jahren u.a. Henry Ford, Charles Lindbergh und der britische König Edward VIII.

Doch die Osteuropäer meinen nicht ohne Weiteres den deutschen Nazismus, wenn es ihnen darum geht, die faschistische Vergangenheit neu aufzuwerten. Es gab bekanntlich auch die vielen «kleinen Faschismen» der mit Deutschland verbündeten Staaten, u.a. Italien, Kroatien, Lettland, die Slowakei und Westukraine. Groß-Deutschland hat seinen Krieg nicht alleine geführt.

Die Westmedien verkünden mit Genugtuung, daß die pro-faschistischen Kräfte bei den vorgezogenen Wahlen am 26. Oktober 2014 nur 5,4% der Stimmen («Rechter Sektor» und «Swoboda») auf sich vereinigen konnten. Doch ist die Mauer zwischen Faschismus und den anderen politischen Kräften wirklich wasserdicht? Die Äußerung Jazenjuks nährt den Verdacht, daß es neben dem großen Faschismus eines Dmytro Jarosch noch andere, kleinere Faschismen gibt. Schöpfen faschistische Parteien gemeinsam mit anderen Parteien aus denselben ideologischen Quellen? Die Trennlinie zwischen Faschismus und Nicht-Faschismus gestaltet sich schwierig.

Politische Entwicklungen seit 1990 haben die traditionellen Trennlinien zwischen rechter und linker Politik durcheinandergewirbelt. Die Rechtsradikalen im nichtrussischen Osten unterstützen den Westen; die Rechtsradikalen im Westen sind eher für Rußland. Sowohl die Rechtsradikale Marine Le Pen als auch die Regierung Putin haben den Sieg der griechischen Partei Syriza begrüßt. Vor Ort koaliert die linksradikale Syriza mit einer rechtsradikalen Kleinpartei. Das konservative Ungarn zeigt sich rußlandfreundlich. Erst nach Monaten kam ich dahinter, daß sich der amerikanische Web-Nachrichtendienst «Antiwar.com» als konservativ versteht. Die konservativen US-Politiker Pat Buchanan und Ron Paul ließen sich ohne Weiteres als «Putin-Versteher» etikettieren. Dabei treten Hillary Clinton, Obama und die deutschen Kräfte von Mitte und Links (SPD, CDU und Grüne) für die Sache Kiews ein. Die neue Scheidelinie heißt wohl interventionistisch gegenüber nicht-interventionistisch bzw. isolationistisch. In Deutschland sind die Grünen interventionistisch, die Linken in der Partei gleichen Namens eben nicht.

Den Baptisten und Charismatikern der Ukraine wird man nicht vorwerfen können, Faschisten zu sein. Sie sind viel eher antiliberale, wertkonservative Demokraten westlichen Zuschnitts. Das kann man aber nur mit einem Vorbehalt feststellen: Im März 2014 gründete der griechisch-katholische Gläubige Jazenjuk gemeinsam mit dem Baptisten Oleksandr Turtschynow die Partei «Volksfront». Heute gehört die Swoboda zu der von der «Volksfront» geführten Regierungskoalition.

Die Faschisten haben sich in der Ost-Ukraine als die mit Abstand besten Kämpfer für die Kiewer Sache erwiesen. Da sind die Protestanten nur Trittbrettfahrer. Sie möchten Patrioten sein, doch die Mobilisierungswelle, die gerade von Kiew durchgesetzt wird, stößt bei Protestanten auf wenig Gegenliebe. Auch ihre jungen Männer gehören zu denen, die nach Unterschlupf im Ausland suchen. Dieses Zögern ist am ehesten auf ein pazifistisches Erbe und die Tatsache, daß es sich in der Ukraine um einen Bruderkrieg handelt, zurückzuführen. Mir persönlich sind noch keine Zweifel bei Protestanten bezüglich der Frage, ob die vorhandene Regierung überhaupt imstande sei, die ersehnten Ziele von Demokratie und Wohlstand zu erreichen, bekannt.


 

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